Diese Frage beschäftigt mich seit längerem. Klüfte zwischen den Generationen gab es immer — und doch wird gerade jetzt überall darüber gesprochen, als wäre etwas Neues im Gang. Unternehmen sehen sich aufgefordert, „Generationen zu managen". In Gesprächen begegnet mir Unverständnis, oft von Menschen, die gar nicht kritisieren, sondern einfach nur ihre berechtigte Beobachtung äußern.
Erfahrene Frauen und Männer, die in ihrem Berufsleben Strukturen verändert haben, die sich nicht zurücklehnen, die nicht reaktionär denken — und die trotzdem etwas ausdrücken, das sich schwer einordnen lässt: ein Erstaunen, eine Verwunderung, manchmal auch ein leiser Befund über das, was sich verändert hat.
Es ist mir aufgefallen, dass diese Beobachtungen schwer zu beantworten sind, sobald man sie ernst nimmt. Weil sie nicht aus dem Reflex „früher war alles besser" kommen. Sondern aus einer Beobachtungsposition heraus, die etwas sieht, das es vorher in dieser Form nicht gegeben hat. Und seit Künstliche Intelligenz und Generation Alpha gleichzeitig in die Arbeitswelt eintreten, wird die Frage mit zusätzlicher Schärfe geführt: Warum verstehen wir die Jüngeren eigentlich nicht?
Klüfte gab es immer
Die naheliegende Antwort lautet: Generationenklüfte sind nichts Neues. Pubertät ist auch eine Form der Reibung, und sie funktioniert evolutionär, nicht erzieherisch. Unsere Eltern, teilweise im Krieg aufgewachsen, haben uns nicht verstanden. Deren Eltern haben sie nicht verstanden. Das ist Geschichte, Mechanik, Mensch.
Und doch hat das, was jetzt passiert, eine andere Qualität. Nicht weil die Jüngeren anders wären — sondern weil etwas anderes ist mit uns.
Die These — mit Hausverstand
So alt wurden wir noch nie.
Das ist der nüchternste Satz, der mir zur Erklärung einfällt, und ich glaube, er trägt auch neben allen Generationen-Soziologien. Frühere Großeltern starben, bevor ihre Enkel erwachsen waren. Die Generation, die das erste Auto gesehen hat, hat das Massenauto nicht mehr erlebt. Die Generation, die das Wirtschaftswunder mitgebaut hat, hat den Eintritt in die zweite Globalisierung nur in Andeutungen mitbekommen. Die Verschiebungen waren immer da. Die menschliche Lebensspanne war zu kurz, um die volle Konsequenz mitzuerleben.
Wir sind die erste Generation, die lange genug lebt, um zu sehen, wie sich die Welt, die wir gebaut haben, in unseren Kindern, Enkeln und teilweise schon Urenkeln zu Ende verwirklicht.
Das ist nicht „so war es schon immer". Das ist historisch neu.
Was das bedeutet
Es bedeutet, dass die Kluft, die wir spüren, nicht objektiv breiter ist als früher. Unsere Beobachtungsspanne ist länger. Wir sehen, was unsere Eltern und Großeltern nicht mehr sehen konnten: ein wesentlich breiteres Resultat. Und wir sehen es, während wir noch mitten in der Arbeitswelt stehen, noch entscheiden, gestalten, kommentieren — also mit dem Anspruch, etwas damit zu tun zu haben.
Frühere ältere Generationen hatten diesen Anspruch nicht, weil sie ihn gar nicht mehr haben konnten. Sie waren raus. Wir sind drin. Das macht den Unterschied.
Wir leben länger
Die menschliche Lebensspanne reicht erstmals weit genug, um die volle Konsequenz der Veränderungen mitzuerleben, die unsere Generation angestoßen hat.
Wir sehen das Resultat
In Kindern, Enkeln, teilweise Urenkeln wird sichtbar, was als Werthaltung, Strukturentscheidung, Lebensform vor Jahrzehnten begann — und was daraus geworden ist.
Wir sind noch drin
Anders als jede ältere Generation vor uns gestalten, entscheiden, kommentieren wir mitten in der Arbeitswelt — mit Anspruch, etwas damit zu tun zu haben.
Wir sehen die Kluft nicht breiter. Wir sehen sie nur länger.
Stimmen aus derselben Position
Wer in den Achtzigern und Neunzigern in die ersten Managementpositionen vorgerückt ist, alleinerziehend oder alleinverdienend, oft ohne traditionelle Familienform, kennt die Lage von innen. Vollzeit arbeiten, während die Kinder klein waren, vertrauter mit Karriereentwicklung als mit klassischer Mutterrolle — das war keine Programmatik, das war die einzige Form, in der das damals lebbar war. Und es hat Werte mit eingebaut, die andere Rollenmodelle nicht in dieser Schärfe hatten: Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Optionsdenken.
Was wir jetzt sehen, sind Kinder und Enkel, die diese Selbstbestimmung als Default leben, nicht als Errungenschaft. Die nicht gegen etwas anlaufen müssen, um zu sich zu kommen — weil das, wogegen man früher anlief, schon weg war, als sie ankamen. Das ist nicht Schwäche. Das ist die saubere Konsequenz dessen, was wir wollten.
Richard David Precht, Jahrgang 1964, hat das kürzlich auf einer Bühne an einem anderen Punkt formuliert. Jüngere Menschen, sagte er, lebten kaum noch in der Gegenwart — die Aufmerksamkeit zappele permanent in Vergangenheit, Zukunft oder Fiktion, sobald sich auch nur eine Sekunde Langeweile einstelle. Das ist keine moralische Klage. Das ist Beobachtung. Und es ist die Beobachtung einer Generation, die selbst die antiautoritäre Demontage philosophisch mitgetragen hat. Precht ist nicht reaktionär. Er sieht, was aus dem entstanden ist, was er mitgebaut hat.
Keine Bewertung — eine Position
Die Versuchung wäre jetzt, daraus eine Wertung zu machen. Hatten wir es leichter? Schwerer? Besser? Schlechter? Das ist falsch gestellt. Jede Generation findet Rahmenbedingungen vor, die die vorhergehende ermöglicht hat — das ist die Mechanik, nahe an Evolution. Und ja, wir entwickeln uns weiter, sonst gäbe es weder Künstliche Intelligenz noch Weltraumfahrt. Manchmal entwickeln wir uns auch zurück, sonst hätten Leonardo da Vinci und Aristoteles weniger weit gedacht als manche Zeitgenoss:innen.
Was anders ist, ist nur dies: Wir können beim Fortschritt zusehen, während er bei unseren Kindern und Enkeln ankommt. Niemand vor uns konnte das in dieser Vollständigkeit. Daher dieses Gefühl, dass die Kluft so groß ist. Sie ist nicht größer. Wir sehen sie nur länger.
Was das für die Arbeitswelt bedeutet
Wenn Babyboomer und Generation Alpha jetzt am Arbeitsmarkt aufeinandertreffen — über fünfzig Jahre Altersunterschied, in derselben Organisation, oft am selben Tisch — dann ist das eine Konstellation, die es vorher nicht gegeben hat. Frühere Generationen verließen den Arbeitsmarkt, bevor die übernächste eintrat. Die Reibung war zeitversetzt. Heute ist sie gleichzeitig.
Das stellt Anforderungen, die nicht aus Toleranz oder Wertschätzung allein bewältigbar sind. Es braucht eine andere Form von Übersetzung. Und diese Übersetzung kann nur leisten, wer beide Welten kennt — die alte, weil man darin geformt wurde, und die neue, weil man sie miterzeugt hat.
Das ist die Position, in der wir uns gerade befinden. Nicht im vollständigen Verstehen — das wird auch nicht mehr ganz gelingen. Sondern im Beobachten der Differenz, ohne sie zu bewerten. Und im Mitgestalten, ohne so zu tun, als hätten wir die Antwort.
Zeuginnen, die weitergeben
So alt wurden wir noch nie. Das ist eine biografische Tatsache mit historischer Dimension. Sie macht uns zu Zeuginnen einer Entwicklung, deren volle Form vor uns niemand sehen konnte.
Aber Zeuginnen sind keine Stillen. Was sich aus dieser Beobachtungsposition zeigt, gehört ausgesprochen — nicht als Kritik, nicht als Belehrung, sondern als das, was es ist: eine fundierte Übersicht, gewachsen aus Jahrzehnten. Ob diese Empfehlungen auf fruchtbaren Boden fallen, ob jüngere Menschen sich daran ausrichten, liegt nicht in unserer Hand. Wenn es nicht als Kritik rüberkommt, vielleicht eher.
Aber das ist nicht die Bedingung. Die Bedingung ist nur, dass wir aussprechen, was uns wichtig erscheint. Man weiß nie, für wen es hilfreich ist. Manchmal sogar lebensrettend.
Das ist die Doppelposition, in der wir uns gerade befinden: präzise beobachten und gleichzeitig weitergeben, was wir aus der Beobachtung mitnehmen. Nicht als Übriggebliebene, sondern als Stimmen mit Gewicht — deren Erfahrungen und Ratschläge einen Wert tragen, den keine andere Generation jetzt einbringen kann.