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Die Top-Leute
und der Rest.

Was Erfahrung wert ist, wenn KI nur noch von Pionieren lernt — und was die Wirtschaftsordnung damit zu tun hat.

Susanne Stuppacher  ·  Mai 2026  ·  8 Min. Lesezeit

Drei Befunde aus den vergangenen Wochen. Setzt man sie nebeneinander, ergibt sich ein Bild, das die einzelnen Meldungen nicht hergeben.

// Drei Befunde — Frühjahr 2026
brand eins
Die Mai-Ausgabe erscheint mit dem Titel „Der Job geht — die Arbeit bleibt."
+78 Mio.
Jobs entstehen laut WEF-Future-of-Jobs-Report 2025 weltweit netto bis 2030 — mehr als wegfallen.
24/7
Bei Dictador in Polen führt seit 2023 die humanoide KI MIKA Teile der Geschäftsführung. Ohne Wochenenden, ohne Krankenstand.

Die einen sagen: Es entsteht netto mehr Arbeit, als verschwindet. Die anderen zeigen: Auch die Räume, die wir bisher für menschliche Domänen hielten, werden gerade besetzt. Und die Frage, die das alles verbindet, lautet: Was bedeutet das für jemanden, der nicht zu den Frontier-Pionieren gehört?

Der gegenwärtige öffentliche Diskurs kennt zwei Tonlagen. Die einen kündigen die Superintelligenz an — Sam Altman, Schmidhuber, Amodei. Die anderen warnen vor Massenarbeitslosigkeit. Beide Seiten sprechen von etwas, das in einer Pionier- oder Elite-Position entsteht. Beide Seiten sprechen nicht von dem Ort, an dem das meiste Leben tatsächlich stattfindet: dem Alltag von Menschen, die nicht in der ersten Reihe der Trump-Inauguration sitzen und nicht die Trainingsdaten der nächsten Modellgeneration auswählen.

Dieser Artikel denkt von dort aus. Nicht um zu beruhigen. Nicht um zu warnen. Sondern um eine sehr nüchterne Frage zu stellen: Wenn das Werkzeug schneller fertig wird als die Wirtschaftsordnung, die es bedient — wer hat dann eigentlich Spielraum?

Die Daten sind erhoben

Die Frontier-Modelle der großen Anbieter arbeiten mit aktuellen Daten. Sie rechnen Zukunftsmodelle, sie prognostizieren, sie verarbeiten neue Inputs in nahezu Echtzeit. Die Diskussion, ob KI „die Welt von gestern" kennt, geht an der Sache vorbei.

Interessanter ist eine andere Beobachtung: Die Grunddaten sind erhoben. Seit den frühen 2000er Jahren ist das Geschäftsmodell von Big Tech systematisch auf Datenextraktion ausgerichtet. Eine Studie des Psychologen Michal Kosinski an der Universität Cambridge zeigte bereits 2013, dass aus wenigen Facebook-Likes ein vollständiges psychologisches Profil ableitbar ist — präziser als das, was nahe Angehörige über eine Person sagen können. Wir alle sind seither Datenlieferant:innen, ob wir wollen oder nicht. Wir bekommen keine Dividende. Wir werden auch nicht gefragt.

Was jetzt passiert, ist Verfeinerung und Spezialisierung. Frontier-Modelle werden mit Frontier-Daten weiterentwickelt — mit dem Wissen der Top-Leute, der Spezialist:innen, der Pionier:innen. Bereiche werden Schritt für Schritt erschlossen, in einer Reihenfolge, die sich aus Priorität, Datenverfügbarkeit und ökonomischer Verwertbarkeit ergibt. Programmieren, Recherche, juristische Standardarbeit, Verwaltung, Übersetzung — diese Bereiche sind weit. Pflege, Handwerk, körperlich-präsente Tätigkeiten — diese Bereiche kommen, wenn physische KI ausgereift ist und sich rechnet. Manche Branchen werden das als Bedrohung erleben. Andere Branchen, die unter chronischer Überlastung stehen, könnten KI-Unterstützung als Entlastung erfahren — vorausgesetzt, sie wird klug eingesetzt. Niemand ist langfristig außerhalb der Welle. Niemand ist gleichzeitig drin.

„Die KI-Debatte verläuft entweder im Modus ‚alles wird ersetzt' oder ‚alles bleibt menschlich'. Die Realität ist asymmetrisch."

Das ist eine wichtige Differenzierung. Die KI-Debatte verläuft entweder im Modus „alles wird ersetzt" oder „alles bleibt menschlich". Die Realität ist asymmetrisch: Sie schreitet bereichsweise voran, getrieben von Trainingsdaten, Investitionsentscheidungen und Marktlogik. Wer in einem dieser Bereiche arbeitet, sollte wissen, an welcher Stelle der Welle er oder sie steht — nicht, um sich zu fürchten, sondern um zu handeln, solange Spielraum besteht.

Und: Die KI muss gar nicht wissen, wie die Welt ist. Sie hat keine Motivation, das zu wissen. Sie hat keine Motivation, irgendetwas zu wissen. Sie verarbeitet, was eingespeist wird — präzise, schnell, ohne Wochenende. Das ist ihre Stärke. Das ist auch ihre Grenze. Aber die Grenze ist keine Festung, hinter der sich Menschen verschanzen könnten. Sie ist eine Linie, die sich verschiebt.

Was bleibt, wenn die Maschine nicht müde wird

Es gibt einen reflexartigen Rückzug, den die KI-Debatte oft macht: Die Maschine kann das Faktische, der Mensch das Praktische. Die Maschine kann rechnen, der Mensch urteilen. Phronesis — praktische Weisheit — ist menschlich. Aristoteles als Schutzwall gegen die Disruption.

Das ist freundlich gedacht. Es trägt nicht.

// Frontier — Dictador, Polen

Bei Dictador in Polen führt seit 2023 die humanoide KI MIKA Teile der Geschäftsführung. Sie analysiert Konsumverhalten, entwickelt Marketingstrategien, kuratiert Künstler:innenkooperationen, leitet ein NFT-Projekt mit einem Volumen von über 50 Millionen Dollar.

„Ich habe keine Wochenenden", sagte sie im Interview mit Reuters, „ich bin im 24/7-Modus." Marek Szoldrowski, Präsident von Dictador Europe, beschreibt die Entscheidung als „revolutionär und mutig". Hiring und Firing bleiben bei den menschlichen Executives — noch.

Die Frontier-Modelle bei OpenAI und anderswo lösen Probleme, die selbst Physiker:innen nicht mehr im Detail erklären können. Out-of-the-Box-Lösungen, die menschliches Urteilsvermögen überschreiten. Phronesis als Reservat — das war eine kurze Hoffnung.

„Die Differenz zwischen Mensch und KI liegt nicht im Können. Sie liegt in der Verfasstheit."

Die KI muss nicht überleben. Sie hat keinen Körper, kein Sterben, keine Nachkommen, keine Angst vor Mangel. Sie kennt keinen Hunger, keine Kränkung, keine Konkurrenz um Liebe oder Status. Sie wird nicht krank. Sie hat keine Depression. Sie hat keine Sucht und keine Aggression. Sie hat — und das ist der eigentliche Punkt — keine Motivation. Sie hat nicht die Frage „warum stehe ich morgens auf". Sie steht nicht auf.

Das ist keine philosophische Spitzfindigkeit. Es ist die Beschreibung einer anderen Existenzform. Wir vergleichen seit Jahren Zwetschken mit etwas, das nicht in derselben Kategorie wächst.

Aus dieser Differenz folgt etwas, das in beide Richtungen gilt. Erstens: Die menschlichen Erscheinungsformen — Terror, Femizid, Sucht, Burnout, Aggression — sind menschlich. Sie entstehen aus Mangel, Angst, Verletzung, dem Druck zu überleben. Die KI ist davon unbelastet. Sie kann in Bereichen, die unter chronischer menschlicher Überlastung stehen — etwa in der Pflege von Demenzkranken — geduldiger sein als jeder Mensch nach der zwölften Stunde Doppelschicht. Das ist keine Verdrängungsphantasie, das ist eine reale Entlastungsperspektive, wenn Politik und Träger das wollen.

Zweitens: Was die KI aus genau demselben Grund nicht kann — weil sie kein Eigeninteresse, keine Existenzangst, kein Lebenswollen hat — ist, einen menschlichen Sinn zu haben. Sie kann ihn nicht beanspruchen. Sie kann ihn auch nicht ersetzen.

Daraus folgt nicht, dass Menschen unentbehrlich seien. Daraus folgt, dass die Frage nach dem Sinn eine ist, die nur Menschen stellen können. Aber stellen müssen sie sie. Niemand stellt sie für sie.

Solange Geld verdient werden muss

Bisher haben wir über die KI gesprochen. Jetzt müssen wir über uns sprechen. Und über die Wirtschaftsordnung, in der wir uns gerade befinden.

In der gegenwärtigen Welt gilt eine Regel, die so banal ist, dass sie selten ausgesprochen wird: Menschen müssen Geld verdienen, um zu leben. Nicht, um zu wachsen, sich zu verwirklichen, sich einzubringen — zum Leben. Wer kein Einkommen hat, hat keinen Wohnraum, keine Krankenversorgung, keine Sicherheit im Alter. Das ist die Voraussetzung, unter der die KI-Disruption gerade stattfindet.

Die KI hat dieses Problem nicht. Sie muss nichts verdienen. Sie hat keine Miete, keinen Pensionsanspruch, keine Existenzangst. Sie zahlt keine Sozialversicherung. Sie ist deshalb in einer Form ökonomisch frei, wie es kein Mensch je sein wird.

Daraus entstehen die zwei großen Antwortversuche, die im öffentlichen Diskurs derzeit kursieren. Karsten Wildberger, Deutschlands Digitalminister, schlägt ein bedingungsloses Grundeinkommen vor, finanziert aus den Steuereinnahmen eines zukünftigen KI-Wachstums. Jacque Frescos Vision einer ressourcenbasierten Ökonomie, in der Erwerbsarbeit und Lebenssicherung entkoppelt sind, gewinnt in technologie-affinen Kreisen wieder an Aufmerksamkeit. Beide Antworten kommen aus einer Zukunft, die noch nicht existiert. Beide setzen voraus, dass die Wirtschaftsordnung sich grundlegend verändert. Beide werden in den nächsten drei Jahren nicht operativ.

„Wer das Werkzeug nicht für sich nutzt, wird vom Werkzeug genutzt. Nicht aus Bosheit. Aus Logik."

Wir leben jetzt. Das ist die Klemme, in der der Übergang stattfindet. Die KI als Werkzeug ist da. Die ökonomische Ordnung, die ihren Einsatz in eine Befreiung verwandeln könnte, ist es nicht. Wir sitzen zwischen einem Werkzeug aus der Zukunft und einer Wirtschaftsordnung aus der Vergangenheit. Und während wir sitzen, treffen Menschen Entscheidungen — wer eingestellt wird, wer freigesetzt wird, welcher Arbeitsplatz mit KI ausgestattet wird, welcher nicht.

Das ist die eigentliche Frage des Übergangs: nicht, ob die Wirtschaftsordnung sich ändert (sie wird), sondern wie lange das dauert — und was in der Zwischenzeit passiert. Diese Zwischenzeit ist nicht kurz. Sie wird Jahre dauern. Möglicherweise ein Jahrzehnt. Und sie ist genau die Zeit, in der heute 50-Jährige noch produktiv sein wollen. In der heute 30-Jährige ihre ersten Karriereschritte machen. In der heute 19-Jährige eine Ausbildung abschließen.

Diese Zwischenzeit ist keine Wartephase. Sie ist die Phase.

Drei Beobachtungen, die heute zählen

Der Übergang findet statt. Nicht in zehn Jahren. Nicht, wenn die Steuermodelle stehen. Jetzt, in dieser Zwischenzeit, in der das Werkzeug aus der Zukunft auf eine Wirtschaftsordnung aus der Vergangenheit trifft.

Drei Beobachtungen, die in dieser Zwischenzeit zählen — keine Empfehlungen, keine Schritte, keine Übungen. Nur drei Punkte, die jede:r für sich selbst weiterdenken kann.

01
Die Pioniere bauen das Werkzeug. Sam Altman, die Frontier-Modelle, die Top-Leute — sie entscheiden, was die nächste Generation der KI können wird. Das ist nicht zu beeinflussen. Es ist auch nicht relevant für die Frage, was heute zu tun ist. Wer auf diese Ebene blickt, schaut in die falsche Richtung.
02
Die Asymmetrie zwischen Werkzeug und Wirtschaftsordnung wird sich auflösen. Wann, wie und unter welchen Verteilungsregeln — das wird die politische Auseinandersetzung der nächsten Jahre. Bis dahin gilt eine einfache Regel: Wer das Werkzeug nicht für sich nutzt, wird vom Werkzeug genutzt. Nicht aus Bosheit. Aus Logik. Das gilt für Einzelpersonen, für EPUs, für Organisationen.
03
Die Differenz zwischen Mensch und KI ist nicht das, was die Maschine nicht kann. Sie ist das, was die Maschine nicht ist. Sie hat keinen Körper. Kein Sterben. Keinen Mangel. Keine Motivation. Sie ist ein Werkzeug in einer einzigartigen Existenzform — frei von dem, was uns Menschen seit Jahrtausenden ausmacht. Das ist weder ein Vorteil noch ein Nachteil für sie. Es ist die Beschreibung dessen, was sie ist und nicht ist.
// Phronesis — was bleibt

Wer den Spielraum nutzen will, fängt nicht mit der KI an.
Er fängt mit der Frage an, was er oder sie selbst tut, was die Maschine nicht tun muss.

Was nicht in einem Trainingsdatensatz steht. Was in der Gegenwart entsteht und nirgendwo dokumentiert ist. Was Erfahrung ist, kein Wissen. Das ist kein Programm. Das ist eine Bestandsaufnahme.

Der Übergang öffnet alles. Eine Antwort gibt es nicht. Das ist nicht die Lähmung — das ist der Spielraum.

S

Susanne Stuppacher

Gründerin von The Silverpreneur. Schreibt über demografische Transformation und KI-Disruption am Arbeitsmarkt. Kolumne „Arbeit neu denken" auf HRweb.at.

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