Der EPU Schwarm. Beweglich, fragil, notwendig. | The Silverpreneur
Schwarm
The Silverpreneur · Gab Lab

Der EPU Schwarm.
Beweglich, fragil,
notwendig.

Ein Modell, das wächst, ohne Struktur aufzubauen — und Dinge ermöglicht, die allein nicht möglich wären. Aber ohne Schönreden.

Susanne Stuppacher  ·  April 2026  ·  7 Min. Lesezeit

Es gibt eine Frage, die ich in Gesprächen mit EPUs immer wieder höre. Sie klingt harmlos, ist es aber nicht: „Soll ich eine GmbH gründen?"

Hinter dieser Frage steckt meistens kein echtes Interesse an einer GmbH. Was dahintersteckt, ist die Erkenntnis, dass die eigene Einheit zu klein ist für das, was möglich sein könnte. Größere Aufträge. Breitere Sichtbarkeit. Mehr Marktmacht. Das klassische Wachstumsmodell sagt: dann wächst du. Du stellst an. Du baust Struktur. Du wirst Arbeitgeber:in. Und du verlierst, was du dir mit der Selbständigkeit erkämpft hast: die Freiheit zu tun, was du wirklich kannst.

Es gibt eine Alternative. Aber ich werde sie nicht schönreden. Sie ist beweglich, sie ist leistungsfähig — und sie ist fragil. Beides zu sagen ist der Respekt, den das Thema verdient.

Was ein Schwarm ist —
und was er nicht ist

Ein EPU Schwarm ist: 3 bis 5 komplementäre EPUs, die für größere Aufträge gemeinsam auftreten. Keine gemeinsame Rechtsperson. Keine aufgegebene Unabhängigkeit. Kein Fixkostenblock, der schon brennt, bevor der erste Auftrag da ist.

Ein Schwarm ist nicht: ein Netzwerk. Netzwerke sind Adressen, die man hat. Schwärme sind funktionierende Einheiten, die etwas können.

Ein Schwarm ist auch keine Agentur. Agenturen haben Hierarchien, Overheads, Margen auf fremde Arbeit. Ein Schwarm hat keine Hierarchie — er hat Komplementarität. Jede:r bringt eine Stärke ein, die die anderen nicht haben. Keine Konkurrenz im Inneren. Keine Doppelarbeit. Kein:e Chef:in.

Und ein Schwarm ist kein Joint Venture. Er entsteht nicht durch Verhandlung, sondern durch Vertrauen. Vertrauen, das aus gemeinsamer Arbeit kommt — nicht aus gemeinsamen Mittagessen.

Die Wahrheit über das Risiko

Wer ausfällt, bremst andere. Das ist keine Randbemerkung — das ist die Grundstruktur jeder Kooperation ohne Puffer. In einem Unternehmen mit Angestellten gibt es Redundanz. Im Schwarm gibt es sie nicht automatisch.

Wenn eine Kooperation stockt — aus welchem Grund auch immer —, stockt man selbst mit. Man sucht plötzlich nach jemandem, der einspringt. Und diese Person wächst nicht am Baum. Vertrauen in der Zusammenarbeit muss vorher gewachsen sein. Man muss wissen, was die andere Person kann. Man muss erlebt haben, wie sie unter Druck arbeitet. Das ist keine romantische Vorstellung — das ist operative Realität.

Nicht umsonst werden Kooperationen irgendwann vertraglich abgesichert. Das ist keine Schwäche, das ist Vernunft. Aber Verträge halten Menschen in Strukturen, die innerlich schon gescheitert sind. Wir haben alle erlebt, dass Partnerschaften gut anfangen und katastrophal enden können. Der Vertrag hat das nicht verhindert — er hat es nur teurer gemacht.

Was also schützt einen Schwarm wirklich?

Freiwilligkeit als Absicherung

Das klingt paradox, ist es aber nicht: Freiwilligkeit ist oft die einzige Absicherung, die wirklich funktioniert.

Wer freiwillig dabei ist, ist wirklich dabei. Wer gehen kann, ohne juristischen Schaden zu nehmen, bleibt aus Überzeugung — oder geht rechtzeitig. Das ist ehrlicher als eine Struktur, die Menschen bindet, nachdem die innere Bindung längst weg ist.

Was das Ehrenamt zeigt

Ehrenamtliche Initiativen bündeln Stärken, Zeit und Energie unbürokratisch zur Umsetzung einer gemeinsamen Sache. Kein Gesellschaftervertrag. Keine Hierarchie. Und sie funktionieren — oft stabiler als formale Strukturen. Weil der Zusammenhalt nicht aus Obligation kommt, sondern aus Überzeugung. Der entscheidende Unterschied zum EPU Schwarm: Im Ehrenamt hängt kein Lebensunterhalt daran. Im Schwarm schon. Das erhöht den Einsatz — und damit die Anforderungen an alles, was Stabilität schafft.

Was der Schwarm verändert, das man
nicht einkalkuliert

Es gibt eine Dimension des Schwarms, die in keiner Kalkulation auftaucht — und die vielleicht die wichtigste ist.

Wer allein arbeitet, hat den eigenen Blick. Wer im Schwarm arbeitet, hat den Blick der anderen. Nicht als Kontrolle — als Ressource. Die Grafik-Designerin, die neben der Texterin denkt, sieht Probleme anders. Die Fotografin, die neben der Kommunikationsberaterin arbeitet, kommt zu anderen Lösungen. Das ist kein nettes Beiprodukt. Das ist strukturell bessere Arbeit.

Man will nicht der schwächste Teil der Kette sein. Man will dem, was die anderen einbringen, gerecht werden. Das zieht nach oben.

Genau das beschreibt das Zukunftsinstitut in seinem Archetypen-Modell als das Herzstück wirksamer Zusammenarbeit: Visionär, Forscher:in, Pionier:in, Unternehmer:in — vier Haltungen, die im Zusammenspiel entstehen, was keine:r allein erzeugen kann. Ein gut zusammengestellter Schwarm bildet genau das ab. Nicht weil jemand eine Rolle spielt — sondern weil jede:r die eigene ist.

Die vier Bedingungen.
Nicht drei.

Komplementarität, Vertrauen, klare Governance — das sind die drei Bedingungen, die ich in diesem Zusammenhang regelmäßig nenne. Ich füge eine vierte hinzu, die die grundlegendste ist.

Was einen Schwarm trägt

1
Komplementarität Jede:r bringt eine Stärke ein, die die anderen nicht haben. Keine Doppelabdeckung — strukturelle Ergänzung.
2
Vertrauen Nicht aus gemeinsamen Mittagessen. Aus gemeinsamer Arbeit. Man muss erlebt haben, wie die andere Person unter Druck funktioniert.
3
Klare Governance Wer entscheidet was — und wie schnell. Ohne Hierarchie braucht es Klarheit über Prozesse, sonst entsteht Lähmung genau dann, wenn es darauf ankommt.
4
Gemeinsame Überzeugung Nicht ein Mission Statement. Nicht ein Leitbild. Die echte Antwort auf die Frage: Warum arbeiten wir zusammen, wenn wir auch allein könnten?

Ein Schwarm, der sich nur zusammenfindet um Rechnungen zu teilen, ist fragil. Ein Schwarm, der eine gemeinsame Haltung zur Arbeit teilt — was wir gemeinsam können, und warum das zählt — trägt sich anders. Das ist der Kern jeder funktionierenden Initiative: ein geteilter Zweck, der über den gemeinsamen Auftrag hinausgeht.

Warum gerade jetzt

EPU-Geschäftsmodelle stehen unter einem Druck, den viele noch nicht vollständig benennen können — aber täglich spüren. KI verändert nicht nur einzelne Werkzeuge. Sie verändert, was Kund:innen bereit sind zu zahlen, was sie selbst produzieren können, was sie überhaupt noch in Auftrag geben. Kreativberufe, die auf Ausführung basierten — Texten, Gestalten, Fotografieren, Konzipieren — spüren das zuerst und am direktesten.

Das alleine zu navigieren, ist schwer. Nicht weil EPUs zu wenig wissen oder zu wenig können. Sondern weil der Blick von innen auf das eigene Geschäftsmodell begrenzt ist. Man sieht, was nicht mehr funktioniert. Man sieht seltener, was stattdessen möglich wäre. Dafür braucht man Außenperspektive — und am besten die Außenperspektive von jemandem, der denselben Druck kennt, aber einen anderen Blickwinkel hat.

Gleichzeitig wächst genau diese Gruppe. Die WKO-Gründungsstatistik für das erste Halbjahr 2025 zeigt das stärkste Wachstum bei 50- bis 60-Jährigen. 362.000 EPUs in Österreich, 72.000 allein in Wien — und der Zuwachs kommt nicht mehr primär von den Jungen. Menschen, die jahrzehntelang angestellt waren, gehen in die Selbständigkeit. Mit tiefem Erfahrungswissen, mit belastbaren Netzwerken, mit Kompetenz — und oft ohne ein klares Bild davon, wie das neue Geschäftsmodell aussehen soll.

Genau hier liegt die Chance des Schwarms: nicht nur als Modell um bestehende Kapazitäten zu bündeln, sondern als Denk- und Entwicklungsraum.

Gemeinsam nach neuen Geschäftsideen suchen. Gemeinsam testen, was funktioniert. Gemeinsam sehen, was eine:r allein nicht sieht. Das ist keine Selbsthilfegruppe — das ist kollektive Intelligenz, die EPUs bisher strukturell nicht zugänglich war. Der Schwarm macht sie zugänglich. Ohne GmbH. Ohne Overhead. Ohne aufgegebene Unabhängigkeit.

Was es braucht, um anzufangen: keinen Überbau. Keine GmbH. Keine aufwendige Vorbereitung.

Was es braucht: die Bereitschaft, die Möglichkeit für sich als natürlich zu empfinden. Und dann den ersten Schritt — auf komplementäre EPUs zugehen. Nicht mit einem Business-Plan in der Hand. Mit einer Frage.

Vertrauen wächst nicht am Baum. Aber es wächst — wenn man den Raum schafft, in dem es entstehen kann. Den Raum schaffen. Den Rest macht die gemeinsame Arbeit.

S

Susanne Stuppacher

Gründerin von The Silverpreneur und The Transformation Agency in Wien. Sie entwickelt das Phronesis Lab — Europas ersten Impact-Inkubator für kreative EPUs 45–65 in strukturellem Wandel.

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