Es gibt einen Satz, der mich seit Tagen nicht loslässt. Er stammt aus einer ARTE-Dokumentation über künstliche Intelligenz in der Filmwelt, gesprochen vom Soziotechnologen Jürgen Geuter:
Das Versprechen früher war, mit den Maschinen automatisieren wir die Drecksarbeit weg, und wir sind kreativ. Und jetzt sind die Maschinen kreativ, und wir müssen weiter den Müll wegräumen.
Jürgen Geuter, SoziotechnologeUff.
Genau in der Woche, in der ich an einem anderen Text über Mut, Vorstellungskraft und Urteilsfähigkeit als die eigentlich knappen Ressourcen der nahen Zukunft schreibe, höre ich diesen Satz. Und ich habe das Gefühl, dass hier etwas Größeres im Gang ist, als ich gerade in der Hommage formuliert habe. Etwas, das nicht nur die Belegschaft 50+ betrifft, sondern uns alle. Wir nehmen uns das Zepter aus der Hand. Klick für Klick. Prompt für Prompt. Mit voller Begeisterung.
Die schöne Hälfte zuerst.
Ich nehme den positiven Teil ernst, und zwar gründlich. KI öffnet Türen, die jahrhundertelang geschlossen waren. In der ARTE-Doku kommen Menschen zu Wort, die ohne diese Technologie nie eine künstlerische Stimme gefunden hätten. Eine Hausfrau aus Nizza wird zur freiberuflichen KI-Künstlerin mit Agenten in London und Paris. Ein Architekt aus Singapur produziert Kurzfilme, die ihn auf Universitäten in Hongkong zu Gastvorträgen bringen. Eine Frau in Italien verwandelt ihre Erinnerungen an eine schwere Bergkindheit in surreale Bilderwelten — und sammelt damit über zwanzig Millionen Aufrufe in weniger als einem Tag.
Das ist keine Anekdote. Das ist Strukturveränderung. Mehr Menschen kommen zu mehr Ausdruck, und sie tun das mit ehrlicher Hingabe. Ich selbst arbeite täglich mit KI als Sparringpartner und für meinen kreativen Ausdruck, ich habe öffentlich nichts gegen diese Werkzeuge. Im Gegenteil.
Das „Ja, aber" kommt trotzdem. Im selben Bild. Im selben Atemzug.
Die schöne Hälfte
Menschen ohne klassische Ausbildung finden Ausdruck. Stimmen werden hörbar, die nie hörbar wurden. Werkzeuge, die jahrzehntelange Hürden auflösen.
Die spiegelbildliche Hälfte
Berufe, die ein Leben lang gelernt wurden, werden in Sekundenbruchteilen aus Modellen reproduziert. Stimme, Gesicht, Geste — als Datei abrufbar.
Die spiegelbildliche Hälfte.
In derselben Dokumentation sitzt eine 55-jährige Synchronsprecherin. Sie sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass es soweit kommt. In meinem Alter — was soll ich da noch machen? Ich habe nichts anderes gelernt außer dem, worin ich seit über vierzig Jahren arbeite." Sie weint nicht. Sie ist nicht hysterisch. Sie sagt schlicht, was Sache ist. Eine Stimme reicht. Eine Hörbuchsammlung. Sekunden Sprachtraining. Und ihr Beruf — Generationen alt, mit Handwerk, mit Stolz — kann morgen aus dem Rechner kommen.
Parallel dazu steigen im Studio Babelsberg Schauspieler:innen in 42-Kamera-Räume und werden eingescannt, damit das Studio in Zukunft mit einer digitalen Kopie weiterarbeiten kann. Stuntleute werden zu Dateitypen. Komparsen werden zur Stockware. Der verstorbene Christopher Reeve tritt als Superman in einem aktuellen Film auf, ohne irgendetwas davon gewusst zu haben. Carrie Fisher bekommt nachträglich eine letzte Szene gerechnet. Bruce Willis findet sich plötzlich in russischen Werbespots wieder, ohne je dafür vor der Kamera gestanden zu haben.
Die Toten arbeiten weiter. Die Lebenden werden überflüssig.
Und wir merken nichts.
Wir fiebern weiter mit. Wir lachen, weinen, sind ergriffen — und wenn wir wüssten, dass die Figur auf der Leinwand nie gelebt hat, würden wir vermutlich kurz seufzen und trotzdem weiterschauen. „Von Menschenhand geschaffen" wird zur Bio-Plakette. Ein Sonderprädikat. Etwas, das man extra ausweist, weil es nicht mehr selbstverständlich ist. So wie man heute Eier von glücklichen Hühnern beziffert.
Die Geschwindigkeit ist das, was mich aus dem Konzept bringt.
Nicht dass es passiert. Sondern wie schnell. Ich formuliere noch eine Hommage an Mut, Vorstellungskraft und Urteilsfähigkeit als das, was uns ausmacht — und im selben Monat lese ich, wie genau diese Qualitäten gerade industriell ausgelagert werden. Wer hat hier eigentlich die Vorstellungskraft? Ich, oder das Modell, das mir aus drei Stichworten vier Vorschläge generiert, von denen ich einen auswähle? Wer hat den Mut, ein Bild zu wagen — der Mensch, der den Prompt eintippt, oder die Maschine, die hinten ausspuckt, was statistisch funktioniert? Wer urteilt, wenn ich in neun Sekunden zwischen „passt" und „weiter" entscheide?
Das ist keine Polemik. Das ist eine ernstgemeinte Frage. Wenn das, was ich Phronesis nenne, aus gelebten Konsequenzen wächst, aus Brüchen, aus dem ehrlichen Risiko des Sich-Irrens — dann findet das alles weniger statt, sobald die Maschine die ersten neunundneunzig Prozent vorlegt und ich nur noch nicke. Ich übe nicht mehr aus, was mich angeblich von ihr unterscheidet. Ich gewöhne es mir ab. Bequem und schnell.
Wozu eigentlich.
Halten wir kurz inne und fragen: Warum tun wir uns das an? Warum stecken wir Milliarden in Rechenleistung, damit Harrison Ford 41 Jahre jünger ausschaut? Warum bauen wir Scanner-Räume, in denen 42 Kameras gleichzeitig die Hautmikrobewegung einer Schauspielerin festhalten?
Damit Filme schneller produziert werden können. Damit Serien billiger werden. Damit das, was in der Branchensprache „Content" heißt, schneller durch unsere Bildschirme rauscht. In einer Welt, in der schon heute mehr Stunden Video produziert werden, als die gesamte Menschheit je anschauen könnte.
Und hier kommt der unangenehmste Teil. Die KI-Schauspielerin muss nicht leben. Sie braucht keine Wohnung, keine Krankenversicherung, keine Pension, keine Tariferhöhung. Sie wird nicht krank, sie wird nicht alt — außer auf Knopfdruck —, und sie hat keine Kinder, die in zwanzig Jahren ebenfalls einen Arbeitsplatz bräuchten. Die KI-Schauspielerin ist gesellschaftlich kostenlos. Menschen kosten. Und werden trotzdem herausgedacht. In genau den Bereichen, um die es eigentlich gar nicht geht.
Halten wir noch einen anderen Vergleich daneben. Die Digitalisierung repetitiver Tätigkeitspakete — Routinebürokratie, Datenarbeit, all das, was Menschen müde und stumpf macht — ist sinnvoll, entlastend, eine echte Stärkung. Dort hätte KI eine ehrliche Aufgabe. Stattdessen wird mit der Kreativwirtschaft ausgerechnet ein Bereich angegriffen, der vorher nicht schwach war. Ein Bereich, in dem Menschen ihre Stärken entfalten, ihr Handwerk verfeinern, sich selbst sichtbar machen konnten. Was stark war, wird geschwächt. Was schwach war, bleibt schwach. Das ist keine Effizienzlogik. Das ist eine Schieflage.
Wir haben eine Welt, die brennt. Klima, Kriege, Hunger, ein Pay Gap, der sich seit Jahren kaum bewegt, toxische Strukturen, die ganze Generationen krank machen. Die UN-Nachhaltigkeitsziele — die siebzehn Global Goals — lesen sich wie eine Liste dessen, woran sich unsere klügsten Modelle dringender abarbeiten sollten. Ziel Nummer eins: Armutsbekämpfung. Erreicht man durch verjüngte Filmstars nicht. Und doch richten wir unsere mächtigsten Modelle zuerst gegen Berufe, in denen Menschen sich aus eigenem Antrieb wiederfinden. Gegen Stimme, Gesicht, Kreativität. Gegen das, worauf ein Mensch jahrzehntelang hingearbeitet hat. Vielleicht sollten wir das Hirnschmalz, die Rechenleistung und das Kapital dort einsetzen, wo es wirklich nötig wäre — und nicht in die Frage, ob ein neunzigjähriger Filmstar nochmal jung aussehen kann.
Ein persönliches Wort zum Schluss.
Ich muss in diesem Text Dampf ablassen. Das ist nicht meine übliche Tonart, und ich weiß, dass eine Kolumne, die mit den Schultern zuckt und sagt „Mich überfordert das gerade", kein analytischer Glanzpunkt ist. Aber es ist ehrlich. Es ist das Gefühl, mit einer Entwicklung nicht mehr mithalten zu können — und zwar ausgerechnet dort, wo wir uns lange sicher waren, dass es um uns als Menschen geht. Um das, was uns einzigartig macht.
Eine Lage nach der anderen fällt ab. Erst die Texte. Dann die Bilder. Dann die Stimmen. Dann die Gesichter. Dann die ganze Figur, fertig animiert, mit Hautmikrobewegung und Lippenkontur. Von unserem „Jeder Mensch ist einzigartig" bleibt nicht mehr viel übrig, wenn die KI in allem schneller ist, in allem geduldiger, in allem präziser, in allem nachsichtiger mit unseren Stimmungen, in allem verfügbar, vierundzwanzig Stunden, ohne Forderungen, ohne schlechte Tage, ohne Pensionslücke. Wir haben sie selbst dorthin gebracht. Und wir geben ihr begeistert das Material, mit dem sie es schafft. Jedes Foto. Jeden Text. Jede Stimme. Jeden Klick.
Das ist der Punkt, an dem ich nicht mehr weiterweiß, sondern stehenbleibe. Vielleicht ist das auch ein Anfang. Stehenbleiben. Fragen, was wir uns gerade aus der Hand nehmen lassen. Und ob das wirklich der Tausch war, den wir machen wollten.