KI braucht Fantasie. Und PIU. | The Silverpreneur
Fantasie
The Silverpreneur · Arbeit neu denken

KI braucht Fantasie.
Und PIU.

Warum Vorstellungskraft die wichtigste KI-Kompetenz ist — und warum sie dort sitzt, wo niemand sucht.

Susanne Stuppacher  ·  März 2026  ·  6 Min. Lesezeit
Mädchen vor leuchtender Musterkiste

Vorstellungskraft beginnt nicht mit einer Idee. Sie beginnt mit dem Moment, in dem das Licht aus der Kiste kommt — nicht von außen.

Ich bin mit Musterkisten aufgewachsen. Holzkisten voller Papierrollen, floraler Ornamente, Schablonen für Seidendruck. Mein Vater betrieb eine Textilhanddruckerei in Wien — wundervolle Seidentücher, Couture, Golddrucke für Schiele- und Monet-Motive. Das Licht kam nicht ins Zimmer. Es kam aus den Kisten.

Vielleicht habe ich deshalb eine sehr konkrete Vorstellung davon, was Vorstellungskraft bedeutet: ein Universum, das von innen leuchtet, bevor es in der Welt existiert.

KI macht alles einfacher. Wirklich?

Ich habe diese Woche wieder eine Stunde damit verbracht, einen einzigen Prompt zu verfeinern — bis das Ergebnis stimmte. Drei Hände am falschen Ort. Gesichter, die sich ungefragt veränderten. Hintergründe, die nicht das waren, was ich im Kopf hatte.

KI verlagert den Aufwand. Sie eliminiert ihn nicht. Von Ausführung zu Steuerung. Von Klicken zu Denken. Von Tempo zu Urteil.

Was dafür gebraucht wird, nennt sich PIU

Das PIU-Prinzip

P
Planung Wissen, was man will — bevor man den ersten Prompt schreibt. Wer das nicht kann, produziert Rauschen.
I
Iteration Das Ergebnis einschätzen, anpassen, nochmals testen. Wer nach dem ersten Versuch aufgibt, bekommt Mittelmaß.
U
Urteilsvermögen Erkennen, wann ein Ergebnis gut genug ist — und wann es gefährlich falsch liegt. Das ist keine technische Kompetenz. Das ist Erfahrung.

PIU ist kein angeborenes Talent. Es entsteht durch Jahre der Arbeit mit komplexen Systemen, mit schwierigen Kund:innen, mit Projekten, die nicht so liefen wie geplant. Menschen mit 20 Jahren Berufserfahrung bringen PIU mit. Nicht als Bonus. Als Kernkompetenz.

Aber PIU allein reicht nicht. Es braucht Fantasie.

Es gibt eine Fähigkeit, die in keinem KI-Kompetenzrahmen vorkommt. Die in keiner Weiterbildung gelehrt wird. Die in keiner Stellenausschreibung steht: Vorstellungskraft.

KI-Bildtools können inzwischen Bilder erzeugen, die ohne sie technisch kaum möglich wären. Unbegrenzte Umsetzung — fast. Aber nur dann, wenn jemand in der Lage ist, der Maschine präzise zu beschreiben, was entstehen soll.

KI denkt nicht in Bildern. Menschen schon. Dieser Übersetzungsakt ist kein technischer Schritt. Er ist ein kreativer.

Ich muss wissen, was ich mir vorstelle. Ich muss es sprachlich präzise genug fassen können. Und ich muss das Ergebnis beurteilen — erkennen, ob es meiner inneren Vorstellung entspricht oder nicht. Wer das nicht kann, bekommt von KI Mittelmaß. Oder drei Hände.

Wenn KI in der Umsetzung bald keine Grenzen mehr kennt, verlagert sich der Engpass vollständig auf die Vorstellung. Wer nichts im Kopf hat, bekommt von KI auch nichts Brauchbares zurück. Fantasie wird zur Engpassressource.

Akademische Rückendeckung

Alexander Willim (FH St. Pölten) formulierte auf der Demografietagung 2026 eine bemerkenswerte Hypothese: Übermäßige KI-Nutzung durch Jüngere könnte den Kreativitätsvorsprung Älterer zukünftig sogar noch verstärken — weil fluide Intelligenz sinkt, während kristalline Intelligenz, also akkumuliertes Erfahrungswissen, weiter wächst. Wer jahrzehntelang gelernt hat, in Bildern zu denken, verliert diese Fähigkeit nicht an KI. Wer sie nie entwickelt hat, weil KI es von Anfang an übernahm, wird sie auch nicht nachträglich erwerben.

Das ist keine Spekulation mehr. Es ist eine wissenschaftlich fundierte Hypothese. Und sie hat eine sehr konkrete Konsequenz für den Arbeitsmarkt der nächsten zehn Jahre.

Die Frage, die niemand stellt

Wir reden seit Jahren über Prompting als Technik. Über Prompt-Engineering als Berufsbild. Über SuperPrompts, die auf YouTube geteilt werden wie Geheimrezepte. Was wir nicht reden: Woher kommt die Vorstellung, die dem Prompt vorausgeht?

Designer:innen. Autor:innen. Regisseur:innen. Berater:innen. Alle, die gelernt haben, abstrakt zu denken und es konkret auszudrücken. Menschen, die jahrzehntelang mit Musterkisten gearbeitet haben — im übertragenen wie im wörtlichen Sinne.

Die Frage ist nicht: Wer nutzt KI?
Die Frage ist: Wer steuert sie — und auf Basis wovon?

PIU und Fantasie sind die Antwort. Und sie sind nicht für Anfänger:innen.

S

Susanne Stuppacher

Gründerin von The Silverpreneur. Schreibt über demografische Transformation und KI-Disruption am Arbeitsmarkt. Kolumne „Arbeit neu denken" auf HRweb.at.

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