Wenn Korinek recht hat — was dann? | The Silverpreneur
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The Silverpreneur · Arbeit neu denken

Wenn Korinek recht hat — was dann?

KI wird alle Kreativberufe übertreffen. Stimmt. Aber in dem Satz steckt ein Wort, das alles entscheidet.

Susanne Stuppacher  ·  März 2026  ·  7 Min. Lesezeit
„Alle Kreativberufe werden in wenigen Jahren von KI besser, schneller und effizienter ausgeübt werden als von Menschen." Anton Korinek · Ökonom, University of Virginia · Anthropic Economic Advisory Council · TIME 100 AI 2025

Es gibt Sätze, die richtig sind und trotzdem in die Irre führen. Anton Korineks These gehört dazu. Sie ist nicht falsch. Sie ist unvollständig — und gerade darin liegt ihre Gefahr für alle, die heute mit kreativer Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.

Korinek ist kein Schwärmer. Er ist Ökonom, Berater von Anthropic, einer der einflussreichsten Stimmen in der globalen KI-Politik. Wenn er sagt, dass kreative Berufe von KI übertroffen werden, dann ist das keine Marketingfloskel. Es ist eine ökonomische Prognose mit ernstzunehmenden Grundlagen. Aber in seinem Satz steckt ein einziges Wort, das den Unterschied macht.

Was KI ausübt — und was das bedeutet

Das Schlüsselwort heißt: ausgeübt. KI führt aus. Sie generiert. Sie produziert. Sie liefert in Sekunden, wofür Menschen Stunden brauchen. Sie kann Layouts entwerfen, Texte schreiben, Bilder erzeugen, Konzepte vorschlagen. Was sie nicht tut: entscheiden, fragen, verstehen.

KI weiß nicht, warum eine Kampagne gerade jetzt nicht funktionieren würde. Sie weiß nicht, dass die Geschäftsführerin im Aufsichtsrat einen Konflikt hat, der das Briefing absurd erscheinen lässt. Sie weiß nicht, dass dieses Bild — technisch perfekt — kulturell falsch ist. Sie weiß nichts davon. Sie führt aus.

Die Frage ist nicht, ob KI Kreativberufe besser ausübt. Die Frage ist, ob „Ausführung" jemals der Kern kreativer Arbeit war.

Stefan Sagmeister hat es vor zwei Jahren in einem Interview präzise formuliert. Sagmeister, in Vorarlberg geboren, in New York lebend, einer der einflussreichsten Designer der Gegenwart — er hat für die Rolling Stones gearbeitet, für das Guggenheim, für Lou Reed. Er kennt die Branche aus jeder Perspektive.

„Yes, if you're sort of like a meat and potato designer that designs for low level, I am pretty sure that a good part of that will go to AI."

Stefan Sagmeister · Cool Hunting Interview · 2023

Übersetzt: Wer Standardware liefert — austauschbare Logos, generische Layouts, beliebige Visuals — wird von KI ersetzt. Sagmeister sagt das ohne Bedauern. Er beschreibt eine Realität. Die Frage ist nicht, ob das passiert. Die Frage ist, was übrig bleibt.

Die Frage, die kein KI-Advisory-Paper stellt

In Korineks Welt geht es um Verteilung. Wer profitiert von den Produktivitätsgewinnen der KI? Wie verteilen sich die Erträge? Wie sichern wir die Einkommen derer, deren Arbeit automatisiert wird? Das sind wichtige Fragen. Aber es sind nicht die einzigen.

Es gibt eine zweite Frage, die in keinem Advisory-Paper auftaucht. Sie lautet: Was tun Menschen, wenn ihre Arbeit ihnen genommen wird — nicht ökonomisch, sondern bedeutungsmäßig? Was bleibt von einer Identität, die sich jahrzehntelang über das Können definiert hat, etwas Bestimmtes besser zu machen als andere?

Korinek beantwortet diese Frage nicht. Er muss sie auch nicht beantworten — er ist Ökonom, kein Anthropologe. Aber genau in dieser Lücke liegt der Raum, den Silverpreneure besetzen müssen. Es ist nicht das Verteilungsproblem. Es ist das Bedeutungsproblem.

Die Zahlen hinter der These

76.000
Unternehmen in der österreichischen Kreativwirtschaft — 74 % davon EPUs
42 %
der Kreativ-EPUs verdienen unter 10.000 Euro Jahresumsatz
25.000+
kreative EPUs — Grafik, Text, Fotografie — direkt KI-exponiert

Hinter diesen Zahlen stehen Menschen. Petra, 58, Grafikdesignerin in Wien. Drei Jahrzehnte Branchenerfahrung. Spürt seit Monaten, dass Aufträge wegbrechen. Martin, 61, Texter. Hat seit zwanzig Jahren denselben Stamm an Kund:innen. Die Anfragen kommen jetzt anders — kürzer, billiger, mit dem Zusatz „kannst du das nicht einfach mit KI machen?". Claudia, 55, Fotografin. Sieht zu, wie ihre Branche sich vor ihren Augen umformt.

Sie alle haben PIU. Planung. Iteration. Urteilsvermögen. Sie haben jahrzehntelang gelernt, was funktioniert und was nicht. Was sie nicht gelernt haben: ihre Erfahrung in eine Sprache zu übersetzen, die in der KI-Ökonomie verstanden wird.

Was bleibt — und warum es mehr wert ist als je zuvor

Aristoteles hat in der Nikomachischen Ethik einen Begriff geprägt, der für die kommenden Jahre zentral werden wird: Phronesis. Praktische Weisheit. Die Fähigkeit, in komplexen, mehrdeutigen Situationen das Richtige zu erkennen — nicht nach Regel, sondern nach Urteilskraft. Phronesis lässt sich nicht trainieren wie ein Modell. Sie entsteht durch Erfahrung, durch Scheitern, durch das Aushalten von Widersprüchen.

Was 50+ einbringt — wo KI nicht hinkommt

P
Phronesis Praktische Urteilskraft in mehrdeutigen Situationen. Aristoteles' Begriff für das, was Menschen Maschinen voraushaben — und was KI in absehbarer Zeit nicht ausüben wird.
B
Bedeutungsintelligenz Erkennen, wo Inhalt und Kontext zueinanderpassen — oder nicht. KI sieht Muster. Menschen erkennen Bedeutung, wo KI nur Rauschen sieht.
K
Kontextuelle Urteilskraft Wissen, was in dieser Situation, mit diesem Kunden, in dieser Branche tragfähig ist. Akkumuliertes Erfahrungswissen — kristalline Intelligenz, die im Lebensverlauf wächst, nicht abnimmt.

Diese drei Fähigkeiten ersetzen nicht die Ausführung. Sie steuern sie. Wer sie hat, nutzt KI als Werkzeug — nicht als Konkurrenz. Wer sie nicht hat, wird von KI ersetzt, weil dann tatsächlich nur die Ausführung übrig bleibt.

In einer Welt, in der KI alles ausführen kann, wird die Fähigkeit, die richtige Frage zu stellen, unbezahlbar.

Die falsche Debatte — und die richtige

Die öffentliche KI-Debatte verläuft entlang zweier Pole. Auf der einen Seite die Apokalypse: Alle Kreativberufe verschwinden. Auf der anderen Seite die Verharmlosung: KI ist nur ein Werkzeug, ändert nichts Grundlegendes. Beide Pole sind falsch. Die Wahrheit liegt in der Differenzierung, die Sagmeister benannt hat: Meat-and-Potato-Arbeit verschwindet. Unersetzbare Arbeit nicht.

Was unersetzbar ist, definiert sich nicht über Berufsbezeichnungen, sondern über Tiefe. Eine Designerin, die jahrelang dieselben Standardlayouts ausgeführt hat, ist ersetzbar. Eine Designerin, die in jedem Projekt die Struktur eines Unternehmens versteht, bevor sie das erste Visual erzeugt, ist es nicht. Der Unterschied ist nicht das Alter. Der Unterschied ist die Akkumulation von Urteilskraft.

Was jetzt

Korinek beschreibt die Produktionsschicht. Auf dieser Schicht wird KI siegen — schneller, billiger, skalierbarer. Es gibt aber eine zweite Schicht, die er nicht beschreibt: die Bedeutungsschicht. Die Schicht, auf der entschieden wird, wofür KI eingesetzt wird, was sie produzieren soll, was das Ergebnis bedeutet, ob es richtig ist.

Auf dieser Schicht haben Silverpreneure einen strukturellen Vorteil. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Erfahrung. Drei, vier Jahrzehnte Berufsleben sind kein Ballast. Sie sind Kapital. Aber dieses Kapital muss übersetzt werden — in Angebote, in Honorarstrukturen, in eine Sprache, die die Bedeutungsschicht von der Produktionsschicht trennt.

Wer das tut, gewinnt. Wer es versäumt, wird zum Recht behalten Korineks beitragen.

Korinek hat recht. Aber er beschreibt nur die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte heißt: Wer steuert die Produktion — und auf Basis welcher Urteilskraft?

Diese zweite Hälfte ist der Raum, den Silverpreneurship besetzt. Nicht als Nostalgie. Als ökonomische Strategie für die nächsten zehn Jahre.

S

Susanne Stuppacher

Gründerin von The Silverpreneur. Schreibt über demografische Transformation und KI-Disruption am Arbeitsmarkt. Kolumne „Arbeit neu denken" auf HRweb.at. Initiatorin des Phronesis Lab.

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