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Die Quote steigt, die Nachfrage nicht

Ein Bonus-Malus-System für die Beschäftigung Älterer gab es in Österreich schon. Es trat nie in Kraft, weil die Zielwerte erreicht wurden. Genau darin liegt das Problem, und darin auch der Grund, warum die Diskussion an dem vorbeigeht, was erfahrene Menschen tatsächlich brauchen.

Am 11. September traten Ingrid Korosec vom Seniorenbund, Birgit Gerstorfer vom Pensionistenverband und Christine Mayrhuber, Vorsitzende der Alterssicherungskommission, gemeinsam vor die Presse. Ihr Vorschlag: ein Bonus-Malus-System. Betriebe, die überdurchschnittlich viele ältere Menschen beschäftigen, sollen entlastet werden, Betriebe mit zu geringem Anteil zahlen drauf. Als Hebel nannte Mayrhuber die Sozialversicherungsbeiträge, dazu eine Übergangsphase von drei bis fünf Jahren. Ein ausgearbeiteter Plan soll noch heuer folgen.

Die Diagnose dahinter ist unstrittig, und sie ist ernst gemeint. Rund ein Fünftel aller Arbeitslosen in Österreich ist über 55. Wer mit 60 den Job verliert, sucht lange. Und die Kritik der drei Expertinnen an der bisherigen Linie trifft: Die Maßnahmen der letzten Jahre richteten sich an die Beschäftigten, über Abschläge, über das Antrittsalter. Die Betriebe kamen darin nicht vor. „Wer länger arbeiten soll, muss auch länger arbeiten dürfen", sagte Gerstorfer.

Der Satz stimmt. Nur ist das Instrument, das ihn einlösen soll, bereits einmal geprüft worden, und zwar an sich selbst.

// Der Rückgriff

Es gab ihn schon einmal.

Mit dem Budgetbegleitgesetz 2016 wurde ein Bonus-Malus-System beschlossen. Betriebe ab 25 Dienstnehmer:innen, deren Anteil über 55-Jähriger unter dem Branchenschnitt liegt, hätten ab 2018 die doppelte Auflösungsabgabe zahlen sollen. Wer den Schnitt erreicht, hätte 0,1 Prozent weniger Dienstgeberbeitrag zum Familienlastenausgleichsfonds abgeführt. Die Konstruktion war fertig, die Quoten waren über das Kundenportal der Sozialversicherung abrufbar, die Wirtschaftskammer bezifferte die Kosten für die Betriebe mit rund 60 Millionen Euro im Jahr.

Wirksam wurde das System an eine Bedingung geknüpft: Zum Stichtag 30. Juni 2017 wurden drei Zielwerte gemessen. Verfehlt wurde keiner.

Drei Zielwerte, drei knappe Überschreitungen

Gemessen am 30. Juni 2017. Weil alle drei Beschäftigungsquoten über den gesetzlich festgelegten Zielwerten lagen, trat das Bonus-Malus-System nie in Kraft.

Männer 55 bis 59 Ziel 73,6 75,4 % plus 1,8 Männer 60 bis 64 Ziel 33,1 35,5 % plus 2,4 Frauen 55 bis 59 Ziel 60,1 63,1 % plus 3,0 0 % 100 %

// Daten: Budgetbegleitgesetz 2016, Zielwerte laut Sozialministerium und AMS, Stichtag 30. Juni 2017. Grafik: The Silverpreneur.

Das ist kein Versäumnis. Das Gesetz hat funktioniert, wie es geschrieben war. Es hat nur etwas anderes gemessen, als es lösen wollte.

// Was gemessen wird

Was eine Beschäftigungsquote sagt, und was nicht.

Eine Beschäftigungsquote zählt Menschen, die in einem Betrieb beschäftigt sind. Sie unterscheidet nicht, wie sie dort hingekommen sind. Ob jemand eingestellt wurde oder ob jemand geblieben ist, weil der Ausgang zugegangen ist, ergibt in der Kennzahl dieselbe Bewegung nach oben.

Die Kennzahl, die das Instrument auslösen soll, steigt auch dann, wenn niemand eingestellt wird.

Wie stark dieser Effekt ist, lässt sich heute an einer einzigen Gruppe ablesen. Die Erwerbstätigenquote der Frauen zwischen 60 und 64 ist innerhalb von drei Jahren von 18,7 auf 32,2 Prozent gestiegen. Der Grund ist bekannt und liegt nicht am Arbeitsmarkt: Seit Anfang 2024 wird das gesetzliche Pensionsantrittsalter der Frauen schrittweise angehoben. Es ist ein Rechtseffekt, kein Nachfrageeffekt.

Genau diese Bewegung führt die Industriellenvereinigung nun als Gegenargument ins Feld: 52.000 zusätzliche beschäftigte Frauen zwischen 60 und 64, der Arbeitsmarkt trage die Anhebung also. Dieselbe Zahl, zwei Lesarten. Die Gegenprobe stand im selben Pressegespräch: Rund 4.000 Frauen sind aktuell in jedem der Jahrgänge 59, 60 und 61 arbeitslos.

58,8 %

Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen in Österreich, gegenüber 65,2 Prozent im EU-Schnitt.

// AK Arbeitsmarktmonitor 2025, aufbereitet vom WIFO

55 %

der arbeitslos vorgemerkten Personen ab 60 sind langzeitbeschäftigungslos. Über alle Altersgruppen sind es 34 Prozent.

// arbeit plus, 25.08.2026, AMS-Daten Juli 2026

32,2 %

Erwerbstätigenquote der Frauen zwischen 60 und 64, nach 18,7 Prozent drei Jahre davor. Grund ist die Anhebung des Antrittsalters.

// Statistik Austria, Mikrozensus Q1 2026

Das Netzwerk arbeit plus formuliert den Befund in einem Satz: „Ein späteres Pensionsantrittsalter allein schafft noch keine Arbeitsplätze."

Ein Bonus-Malus-System kann diesen Befund nicht auflösen, weil es an derselben Kennzahl hängt, die sich ohne jede Einstellung bewegt. Es würde, wenn es scharf gestellt wird, zuverlässig Verwaltung erzeugen. Ob es Nachfrage erzeugt, ist die offene Frage. Beim letzten Mal wurde sie nicht beantwortet, sie ist ausgefallen.

// Die Gegenprobe am Markt

Was passiert, wenn jemand die Nachfrage sucht.

Es gibt dazu einen österreichischen Versuch. Im Oktober 2017 gründeten Klaudia Bachinger, Carina Roth und Martin Melcher in Wien die Plattform WisR: ein Marktplatz, der Unternehmen mit erfahrenen Menschen zusammenbringt, für Projekte, Teilzeit, Wiedereinstieg. Die Angebotsseite war da, tausende Profile. Auf der Nachfrageseite standen Namen wie ÖBB, Hornbach oder Hartlauer. Das Unternehmen gewann Preise, Investoren und eine Finanzierungsrunde.

Im Oktober 2021, nach vier Jahren, kündigten die Gründerinnen die Schließung an. Als Ursachen nannten sie ein kurzfristig abgesagtes Investment, einen zu kurzen finanziellen Atem für die langen Verkaufszyklen bei Konzernen und die ausbleibende Nachfrage nach älteren Mitarbeiter:innen. Carina Roth sprach vom falschen Zeitpunkt, der Markt sei nicht reif gewesen.

Es wäre unsauber, daraus einen Beweis zu machen. Es waren mehrere Ursachen, und die Pandemie war eine davon. Aber es ist der bislang ernsthafteste heimische Versuch, die Vermittlung technisch und kommerziell zu lösen, und er hat die zahlende Seite nicht gefunden. Wer heute ein Anreizsystem fordert, fordert etwas, das eine schwache Nachfrage stützen soll. Die Frage, ob sie stützbar ist, bleibt.

// Neun Gespräche

Niemand hat von der Stelle gesprochen. Alle vom Spielraum.

In der Interviewserie (20-75)@work haben wir neun Gespräche geführt, mit Menschen zwischen Mitte dreißig und Ende sechzig. Neun Gespräche messen nichts, sie zeigen ein Muster. Und das Muster liegt quer zu dieser Debatte.

Sabine Haag bringt das Fundament auf den Punkt: „Es ist nichts umsonst, was man sich erarbeitet hat." Paula Kose beschreibt den Weg dorthin ohne Masterplan: „Führung ist mir tatsächlich passiert." Und Brigitte Frey, Unternehmerin, nennt als Kern ihrer heutigen Arbeitsweise die Beweglichkeit ohne den Klotz einer starren Struktur.

Erfahrung, die man einstellt und dann fesselt, läuft ins Leere.

Das ist der Punkt, der in der Diskussion um Quoten und Abgaben nie vorkommt. In Stellenausschreibungen für erfahrene Menschen steht regelmäßig, dass unternehmerisches Denken erwünscht ist. Was danach eingeräumt wird, ist häufig ein enger Zuschnitt. Wer dreißig Jahre lang Entscheidungen verantwortet hat, arbeitet dann in einem Rahmen, in dem das Urteil, für das er oder sie geholt wurde, keine Anwendung findet. Das ist kein böser Wille. Es ist die Logik einer Organisation, die Rollen definiert, bevor sie Menschen kennt. Nur trägt sich diese Rechnung für beide Seiten nicht: Das Unternehmen bezahlt Erfahrung, die es nicht abruft, und die Person bringt sich nicht voll ein, weil es dafür keinen Ort gibt.

// Die Konsequenz

Die Anstellung ist eine Lehre, kein Endzustand.

Es gibt eine andere Art, denselben Verlauf zu lesen. Das Angestelltenverhältnis ist der Ort, an dem man lernt: Verantwortung, Zusammenarbeit, Urteil unter Bedingungen, die man nicht selbst gewählt hat. Ab einem gewissen Punkt, bei vielen ab Mitte vierzig, ist diese Lehre abgeschlossen. Wer die eigene Laufbahn ernst nimmt und darin besser wird, wächst mit der Kompetenz aus der Passung heraus. Der Rahmen wird eng, nicht weil die Organisation schlecht wäre, sondern weil die Person größer geworden ist.

Das gilt nicht für alle, und es soll auch nicht für alle gelten. Aber es wäre von vornherein mitzudenken, statt es als Notausgang zu behandeln, den man nach einer Kündigung mit 58 sucht. Der Unterschied zwischen einem geplanten Übergang und einer Fluchtreaktion ist die Zeit, die man dafür hatte.

Solange darüber nicht gesprochen wird, verhandelt die Politik weiter über die Nachkommastellen einer Kennzahl. Für Sie persönlich ist die entscheidende Frage eine andere: Woran hängt der Spielraum, in dem Ihre Erfahrung tatsächlich etwas bewirkt: an einer Stelle, die jemand anderer zuschneidet, oder an einer Struktur, die Sie selbst gebaut haben?

Ab Ende September gehen wir dieser Frage in der Serie Silverpreneurs@work nach, bei Menschen, die sie bereits beantwortet haben.

Quellen und Bezüge: Der Standard, 11.09.2026, Lisa Eggenbauer, zum Pressegespräch von Korosec, Gerstorfer und Mayrhuber sowie zur Reaktion der Industriellenvereinigung · Budgetbegleitgesetz 2016, BGBl I 2015/144, Parlamentskorrespondenz zum Beschluss im Budgetausschuss 2015, LexisNexis Rechtsnews Nr. 24384 vom 23.10.2017 zu Zielwerten und Nichtwirksamwerden, WKÖ-Angaben zu Zielwerterreichung und Kostenschätzung · arbeit plus, Soziale Unternehmen Österreich, 25.08.2026, zugrundeliegend AK Arbeitsmarktmonitor 2025, aufbereitet vom WIFO, Statistik Austria Mikrozensus Q1 2026, AMS-Daten Juli 2026 · brutkasten und Trending Topics, jeweils 18.10.2021, sowie Trending Topics vom 03.01.2022 zur Schließung von WisR · eigene Interviewserie (20-75)@work, neun Gespräche, 2026.

Hinweis: Brigitte Frey ist Kundin der Silverpreneur Werbeagentur e.U., Klaudia Bachinger ist Gesprächspartnerin der Interviewserie.